Der nackte Blick


Leere ist der Raum im fortlaufenden Exil von einem selbst.

Exil ist Wege gehen, laufen, beobachten.

Abwesenheit innerer Mimesis, sich einem anderen Blick öffnen.

Ich begebe mich in jene Abwesenheit, und es bleibt allein die Musik der kreisenden Bahnen, fast durchsichtige Sphären.

Ich durchquere die unermessliche Fläche, und bemerke die vibrierende Ruhe einer wiederentdeckten Zeit.

Das Runde. Das Flache. Das durchscheinende Licht, kreisförmig, und die gewebten Oberflächen kommen von irgendeinem gewöhnlichen Ort. Ihre Herkunft, oder ihr Wesen, ein unscharfer Zwischenraum, den ich zur Stille bringen möchte. Dieses Wesen hat dieselbe Stimme. Ich verlasse das Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, und die Komposition verschwimmt, ich werde der unwillkürlichen Geste, absichtslos, aus dem Inneren herrührend, gewahr. Ich nähere mich diesem gewöhnlichen Ort, an dem nur ein meditativer Zustand möglich ist, kaum ein Wille, dort, wo die Entdeckung entsteht, wo die Technik ihren Sinn findet im freien Fall des Schaffens. Dort ist die Durchlässigkeit  zweier verschiedener Stimmen möglich. Sie kreuzen sich, und ich durchkreuze den Ursprung dieses Lichtes und entdecke, wie ich vergangene und stille Oberflächen durchkreuze. Wie zwischen einem Himmel und einer Erde. Ich durchquere die Farbe und meine, bis zu diesem Zwischenspiel, das beide vereint, zu gelangen, bis zu jener ursprünglichen Natur, fast unbeschreibbar, die meinen Blick aufnimmt.

Nach einer Zerstörungsepiphanie der lustvollen Assoziationen, verwandelt sich die Wesenheit in gemeinsame Beobachtung. Ich sammle mich und schaue aus grösserer Nähe. Kaum etwas bleibt übrig, kaum eine Vorstellung, kaum ein Gedanke, nur Blicke, und mein Gefühl von Materie entschwindet. Dauer des Blickes ohne Unterbruch.

Ich erlebe das Vergessen wieder, um mich ganz den Bildern hinzugeben. Ich entferne mich, ohne die Nähe zu verlieren. Und in mir tauchen Schatten von Leben auf, die ich niemals gelebt habe. In dieser Wiederauferstehung beginne ich den Rückweg. Ich komme aus der Verzerrung zurück. Ich verlasse den fernen und der Erinnerung unerreichbaren Ort und kann Malerei und Leinen sehen. Mannigfaltige kreisende Bahnen in der Schwebe, und fast einfarbige Flächen. Form und Farbe werden Spiegel, mich zu beobachten. Die Nacktheit ist möglich und die Empfindungen, schon namenlos, steigen der Komposition entgegen, nur ihr entgegen. Vielleicht verstehe ich in diesem Moment, dass nichts so ist, wie es scheint. Vielleicht kann ich in diesem Moment wieder und wieder von einem Detail zum andern gleiten, der Komposition entgegen, der Form, der Farbe entgegen.

Vielleicht kann ich in diesem Moment über die erste Erscheinung hinaus sehen.


Jaime Sandoval / übersetzt  aus dem Spanischen von Lili Tetzner. 2009

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